Das Wissen über Türken und die Türkei
in der Pädagogik

Analyse des diskursiven Wandels
1839 - 1945

Knowledge about Turks and Turkey in Education.
Discourse Changes, 1839-1945


Projektarbeitsgruppe    (Stand: 11/17)

Prof. Dr. Ingrid Lohmann (Projektleiterin)
Prof. Dr. Sylvia Kesper-Biermann
Prof. Dr. Christine Mayer (stellv. Projektleiterin)
Julika Böttcher M.Ed. (Projektkoordinatorin)
Timm G. Hellmanzik M.Ed.
Dennis Mathie M.A.

Ronja Heinelt
Jan Fellberg
Lorenz Setzepfand

Kurzbeschreibung

Gegenstand des Vorhabens ist die Analyse des Wissens über „Türken“ und die „Türkei“ in Pädagogik und Lehrerschaft in Deutschland und des diskursiven Wandels dieses Wissens zwischen 1839 und 1945.

Konstituiert wurde es in Lehrbüchern für den schulischen Unterricht, in Schulblättern der Provinzialverwaltungen, in Lehrerzeitungen, die der Selbstverständigung des Berufsstandes dienten, sowie in pädagogischen Zeitschriften und Nachschlagewerken. Zusammen mit Beiträgen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen entstand daraus ein „Diskurs“ (Foucault) im Sinne eines historisch spezifischen, mit Machtverhältnissen verschränkten Wissens- und Sagbarkeitsraumes.

Im Zentrum der Analyse stehen folgende Fragestellungen: Erstens, wie waren Schulmänner, Pädagogen und Lehrer an der Konstituierung, Strukturierung und Änderung des Wissens über „Türken“ und „Türkei“ beteiligt? Zweitens, auf welche Weise nahmen sie dabei themenspezifisch auch auf andere Wissensgebiete und angrenzende Diskurse Bezug? Drittens, wie änderten sich im Verlauf des Untersuchungszeitraums Stellung und Funktion des pädagogischen Segments in diesem Diskurs?

Der Türken- und Türkeidiskurs, heute ein vergessenes Kapitel der Pädagogikgeschichte, erstreckte sich über verschiedene gesellschaftliche Bereiche. Um die Spezifik der Beiträge aus dem pädagogischen Feld identifizieren zu können, ist deshalb mit zu untersuchen, wie dieses sich auf andere „Diskursebenen“ – Wissenschaft, Regierung und Verwaltung, Politik und Massenmedien, Wirtschaft und Geschäftsleben als den sozialen Orten, von denen aus gesprochen oder geschrieben wurde – bezog.

Zu diesem Zweck werden themenspezifische Beiträge aus Wissensbereichen wie Geographie, Geschichte, Philologie und Orientalistik, daneben politische Stellungnahmen und Artikel aus Tageszeitungen sowie aus Verbandsorganen unterschiedlicher Provenienz herangezogen. Anfangs- und Enddatum des vorgesehenen Untersuchungszeitraums bilden historische Ereignisse, die den diskursiven Wandel des Wissens über „Türken“ und „Türkei“ in Deutschland nachhaltig beeinflussten.

1839 begann die Ära der Tanzimat (arab. Anordnungen, Neuordnung), eine Reformphase im Osmanischen Reich, die bis zum Inkrafttreten der ersten Verfassung 1876 reichte. Unsere Analyse setzt bei den Anfängen der deutschen Rezeption der Tanzimat ein, und sie schließt rund ein Jahrhundert später mit der durch verschiedene Faktoren herbeigeführten Stagnation der pädagogischen Wissensproduktion über „Türken“ und die „Türkei“, die sich, so unsere vorläufige Annahme, in den 1940er Jahren abzeichnet. Wir untersuchen den Diskursverlauf in Deutschland bis zum Ende der Regierung Mustafa Kemal Atatürks im Jahre 1938 und zu den ersten Regierungsjahren Îsmet Înönüs beziehungsweise bis zum Ende der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs.

DFG-Projekt
Laufzeit: 2017-2020
Projektbeschreibung bei DFG-GEPRIS

ausführliche Projektbeschreibung

Kurzbeschreibung auf Türkisch

Kontakt: Ingrid Lohmann

Veröffentlichungen & Vorarbeiten

Lohmann, I. & J. Böttcher (2015). Changing Images of ‘Turks’ and ‘Turkey’ – Self-Conceptions of German Educationists as Agents of Nation-Building in Imperial Germany and the Ottoman Empire. Presentation, ISCHE 37: Culture and Education, University of Istanbul, June 24-27, academia.edu

Mayer, C. (2014). Zirkulation und Austausch pädagogischen Wissens: Ansätze zur Erforschung kultureller Transfers um 1800. In: M. Caruso, T. Koinzer, C. Mayer, K. Priem (Hrsg.): Zirkulation und Transformation. Pädagogische Grenzüberschreitungen in historischer Perspektive. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 29-49.

Böttcher, J. (2014). Aspekte des Türkei-Bildes in der deutschen Pädagogik von 1880 bis 1918. Masterarbeit UHH, ausgezeichnet mit dem Karl H. Ditze-Preis 2015. Julius-Klinkhardt-Preis zur Förderung des Nachwuchses in der Historischen Bildungsforschung für ihr Dissertationsprojekt „Die Türkei als Argument in der pädagogischen Tagespresse 1880-1918. Eine Untersuchung zum berufsständischen Selbstverständnis deutscher Volkschullehrerinnen und Volkschullehrer", 2017.

Pilotstudie
Lohmann, I., B. Begemann, J. Böttcher, M. Claas et al. (2013). Wie die Türken in unsere Köpfe kamen. Das Türkei-Bild in der deutschen Pädagogik zwischen 1820 und 1930. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 16.4, 751-772, DOI. • Typoskript academia.edu

Auswärtige KooperationspartnerInnen

Assistant Prof. Dr. Filiz Meseçi Giorgetti, Universität Istanbul

Doz. Dr. Christian Roith, Universidad de Almería

Prof. Dr. Andreas Hoffmann-Ocon, PH Zürich

Marianthi Palazi, Universität Kreta

Prof. Dr. Mustafa Yunus Eryaman, Çanakkale Onsekiz Mart University

 

In Kooperation mit

GEI Braunschweig
Georg-Eckert-Institut - Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung

BBF Berlin
Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Schlagwörter

Produktion und Zirkulation von Wissen, Türken- und Türkeibilder, Pädagogikgeschichte, Diskursgeschichte, Deutschland, Osmanisches Reich/ Türkei, Nationbildung, Modernisierung, Verflechtungen, 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert

The purpose of our project is to analyse the knowledge of Turks and Turkey circulating among educators in Germany and its discoursive change between 1839 and 1945.

Such knowledge was constituted through textbooks for school use and teachers periodicals (Lehrerzeitungen), that provided them professional support and affirmation, as well as through pedagogical journals and reference works. In concert with sources from other social contexts, these created an identifiable discourse in the sense of a historically specific range of conceivable and expressible knowledge intersecting with and shaped by social power relations.

Three questions lie at the heart of our analysis: Firstly, how did leading educationists (Schulmänner), pedagogues and teachers contribute to constituting, structuring and altering knowledge of Turks and Turkey? Secondly, how did they refer to other areas of knowledge and adjoining discourses in this process? Thirdly, how did the position and function of education change over the period studied?

To identify its contribution to the discourse on Turks and Turkey, we will also investigate how the educational field referred to other levels of discourse e.g. in academia, politics, business and the mass media.

The beginning and end of the period studied are both marked by historical events that greatly influenced shifts in the knowledge about Turks and Turkey in Germany. In 1839, the Tanzimat (Arabic for reordering) era began in the Ottoman Empire. These reforms created e.g. the legal basis to introduce equal status for Muslims and non-Muslims in the Empire, provided assurances for the safeguarding of private property in civil law, and were generally regarded as bringing the Ottoman state closer to the European model of constitutional nation states. The fact that the Tanzimat reforms were praised by German observers through comparison with the Prussian reform era of the early 19th century makes this a promising starting point. We begin our analysis with the earliest reactions to Tanzimat in the German states and carry it forward to the period of stagnation in the production of pedagogical knowledge on Turks and Turkey that, for a variety of reasons, can be noted in the 1940s.

Keywords

Production and circulation of knowledge, images of Turks and Turkey, history of pedagogy, discourse history, Germany, Ottoman Empire/ Turkey, nation building, modernisation, repercussions, 19th century, 20th century