Rezensionen zu Jüdische Bildungsgeschichte in Deutschland Band 3


Methodisch umsichtig konzipiert verbindet [die Dissertation] vor allem zwei Zugangsweisen: die lokale Schulgeschichtsforschung und die gender-orientierte Analyse historisch rekonstruierbarer Verhaltensmuster, hier bei der Schulwahl und der Ausgestaltung von Akkulturation. Der Aufbau der Studie ist ebenso schlicht wie einleuchtend: Auf die 'Einleitung' mit ihrer Entfaltung der Leitfragen folgen Hinweise 'zur Lage der jüdischen Bevölkerung in Hamburg' sowie in drei gesonderten Kapiteln die aus Archivalien gespeiste Rekonstruktion der Geschichte dreier Privatschulen: der Bertram- und Wahnschaff-Schule (für Jungen) sowie der Delbanco-Schule (für Mädchen). ... die zentralen Thesen ... lauten: Die jüdisch-liberale Mittel- und Oberschicht Hamburgs hat für ihre Söhne und Töchter mit Bedacht unterschiedliche Bildungsstrategien gewählt - mit Bedacht im Blick auf deren spätere sozio-ökonomische Rollen, aber eben auch auf die 'Konstituierung einer Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern... im Bereich der Religion'. Während im Falle der Schulwahl für Jungen 'jüdische kulturell-religiöse Interessen' keine Berücksichtigung fanden, wurde für Mädchen eine Schule bevorzugt, 'an der jüdisch-religiöses Wissen durch spezifischen Religionsunterricht vermittelt wurde.' Dieses 'komplementäre Konzept der Schulbildung' gestattete es, 'einen an die Mehrheitskultur assimilierten Habitus' von Jungen und Männern mit Weitergabe und 'Wahrung der jüdischen Religion' durch Mädchen und Frauen zu verbinden. Trifft dies zu - und Hoffmann plausibilisiert dies ... für die Stadt Hamburg bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs -, dann kann in der Tat kaum mehr 'von einer vollständigen Assimilation des jüdisch-liberalen Bürgertums an die christliche Mehrheitskultur' gesprochen werden. Die Weitergabe ...jüdisch-religiöser Identität wurde allerdings konsequent feminisiert. - Hoffmann ist eine ebenso knappe wie klare, methodisch innovative und inhaltlich pointierte Studie gelungen...

Bernd Schröder (Saarbrücken), in: Theologische Literaturzeitung 132 (2007) 1, Sp. 91f.

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Hoffmann´s monograph... compares the education of Jewish boys and girls in Hamburg during the second half of the nineteenth and the first half of the twentieth century. Concentrating on a few schools attended mainly by the middle and upper classes, Hoffmann shows that Jewish boys were largely educated in the same private schools ("a refuge from anti-Semitism") as the sons of their fathers´ business partners, where they acquired an essentially general education. Girls, by contrast, were enrolled in schools that offered some general education, along with Jewish religious subjects; with this background, however, they could not be admitted to a gymnasium, still less to higher education. The curious result of this gender-specific education was that the women became the bearers and transmitters of Jewish values within the family.

Aleph: Historical Studies in Science and Judaism Volume 4, 2004, S. 322f.

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The examination of the connections between education and the social integration and acculturation of German Jewry is carried forward in time to the Kaiserreich in Hoffmann´s research on the schooling of the sons and daughters of Jewish liberal parents of the middle and upper classes in Hamburg. [...] Although considerable attention has been given to the special role of women as agents of acculturation and transmitters of religious tradition in the middle-class Jewish family in the Kaiserreich, we know much less about the impact of the institutions of formal education on Jewish girls and boys. Studies that trace the careers and beliefs of Jewish graduates of various sorts of schools would deepen our understanding of the role that schooling played in the process of embourgeoisement and identity-formation. Hoffmann states that wealthy Jewish families in Hamburg chose private schools not only for the sake of social exclusiveness but also because they wanted for their children a refuge from anti-Semitic hostility and harassment.

Marjorie Lamberti (Middlebury, Vermont), in: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 9 (2003) 1, S. 6.

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Über die Geschichte des jüdischen Schulwesens in Deutschland und seine regional vermutlich sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen wissen wir immer noch viel zu wenig. Die vorliegende Untersuchung rückt diesem Defizit archivalisch fundiert, methodisch gekonnt und systematisch aufschlussreich zu Leibe, indem sie uns am Beispiel von drei Hamburger Privatschulen über die Entstehung und Verfestigung spezifischer Bildungsgänge für Söhne und Töchter aus dem jüdisch-liberalen Bürgertum der Hansestadt informiert und vor diesem schulgeschichtlichen Hintergrund die geschlechtsdifferente Bedeutung jüdisch-liberaler Schulbildung verständlich macht.

Demnach wäre es ein gravierender Irrtum, davon auszugehen, dass das liberale Judentum in der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik vollständig an die christliche Mehrheitskultur assimiliert worden sei. Vielmehr ist in dieser Frage so etwas wie eine ,,Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern” festzustellen, die darin besteht, dass im Bildungsgang für Jungen, die einen kaufmännischen oder akademischen Beruf anstrebten, keinerlei Berücksichtigung jüdischer religiös-kultureller Orientierungen vorgesehen war, während eben dies für die jüdischen Mädchen verbindlich blieb und somit die jüdischen Frauen diejenigen waren, die ein jüdisch-religiöses Familienleben aufrechterhalten und damit auch ein Stück weit zum jüdischen Selbstbewusstsein ihrer Männer beitragen konnten.

Man kann nur hoffen, dass diese ausgezeichnete Fallstudie zahlreiche Nachfolger in anderen Regionen findet und so allmählich ein dichteres Netz ähnlich kompetenter Beiträge zur jüdischen Bildungsgeschichte in Deutschland entsteht.

Hans-Georg Herrlitz (Göttingen), in: Die Deutsche Schule 94 (2002) 4, S. 522.

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