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Nachruf auf Prof. Dr. Klaus Schleicher

Dr. Klaus Schleicher, emeritierter Professor für Vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg, ist am 1. Dezember 2011 im Alter von 76 Jahren verstorben. Der Verstorbene gehörte der Universität Hamburg seit 1973 an. Seit 1983 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 war er Geschäftsführender Direktor des Instituts für Vergleichende Erziehungswissenschaft.

Klaus Schleicher war ein außergewöhnlicher Wissenschaftler mit einer besonderen beruflichen und wissenschaftlichen Karriere. Sein beruflicher Weg begann mit einer Tischlerlehre – und der Ambition auf eine akademische Qualifizierung. Der erfolgreiche Besuch eines Abendgymnasiums eröffnete ihm dazu die Möglichkeit. Er absolvierte im Anschluss ein Studium der Erziehungswissenschaft, Geschichte, Philosophie, Politik und Anglistik. Im Alter von 38 Jahren wurde er – nach Promotion und Habilitation – an die Universität Hamburg berufen; er übernahm die Professur für Vergleichende Erziehungswissenschaft am gleichnamigen Institut. 1983 wurde er, wie bereits ausgeführt, Direktor des Instituts und blieb dies bis zur Emeritierung im Jahr 2000.

Im wissenschaftlichen Profil Klaus Schleichers treten drei markante Themen besonders hervor. Das erste ist die internationale Bildungsentwicklung. Hier liegt der Fokus auf Arbeiten über Europa. Über Vergleiche europäischer Bildungssysteme hinaus bewegten ihn Fragen der europäischen Geschichte und das Problem, ob sich darin Spuren nationenübergreifender Identität identifizieren lassen. Seine Überlegungen hierzu sind beispielsweise festgehalten in der Schrift ‚Zur Biographie Europas - Identität durch Alltagshandeln‘ (2007). Die Reflexionen, die Klaus Schleicher zu dieser Thematik anstellte, umschlossen auch die dunklen Seiten einer an das Nationale anschließenden Identitätsbildung: Nationalismus und Ethnozentrismus sowie die Frage nach der Funktion und Verantwortung der Bildung für die Herausbildung bzw. Überwindung dieser Haltungen. Zu den bedeutenden Publikationen des Verstorbenen zur Europathematik gehört die – zusammen mit Peter J. Weber edierte – dreibändige ‚Zeitgeschichte Europäischer Bildung 1970-2000‘.

Die beiden weiteren bedeutenden Themen in Klaus Schleichers Werk werden ebenfalls stets im Horizont des internationalen Vergleichs behandelt. Zu nennen ist hier zunächst die Umweltbildung. Lange, bevor die Problematik eines sorgsamen und nachhaltigen Umgangs mit Natur und Umwelt zu den populären Themen von Politik und Wissenschaft wurde, hat sich Klaus Schleicher um die Frage gekümmert, wie Bildung zum Gewinnen eines Umweltbewußtseins in der nachwachsenden Generation beitragen könne. Dieser Frage sind nicht nur Forschungsarbeiten des Verstorbenen gewidmet. Er hat sich ihr auch in der Entwicklung innovativer Bildungskonzepte zugewendet. Ende der 1980er und in der ersten Hälfte der 1990er Jahre wurden unter seiner wissenschaftlichen Leitung zwei BLK-Modellversuche zu den Themen ‘Umweltbildung, Umwelterziehung, Umweltberatung’ und ‚Umweltvorsorge und Umweltgestaltung im pädagogischen Handlungsfeld‘ durchgeführt. Die Studien zur Umweltbildung mündeten konsequenterweise nicht nur in Forschungspublikationen ein, sondern auch in praxisrelevante Materialentwicklungen. Ein Beispiel hierfür, in dem sich seine europa- und die umweltbezogenen Interessen bündeln, ist das Medienpaket ‚Umweltpolitik und Wirtschaft in Europa‘, in dem Informationen zur Umweltbildung in der europäischen Lehrerbildung versammelt sind.

Ebenfalls im internationalen Horizont bearbeitete Klaus Schleicher sein drittes großes Thema: Wertefragen in der beruflichen Bildung. Auch in diesem Feld ging es ihm nicht allein um System- und Funktionsvergleiche, sondern vielmehr um die Frage einer Werteorientierung und -bildung. Diese Frage bewegte ihn nicht nur im Kontext von Analysen des deutschen bzw. von europäischen Berufsbildungssystemen, sondern weit darüber hinaus auch in seinem Interessengebiet der Entwicklungszusammenarbeit. Mehrere Berichte für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit zeugen von dieser Facette seines Werks, so beispielsweise ein Report zum Thema ‚Enhancing the Social Values of Work and Training for General Education, for Training Institutions and for Enterprises. Aiming at Strengthening Work-Process Oriented Core Values in a Multicultural Setting’. Die Arbeiten zu diesem Feld richten sich auch auf den Bereich des lebenslangen Lernens, für das die grundlegende Bildung nachhaltige Aufgeschlossenheit erzielen sollte; darin sah Schleicher eine Voraussetzung dafür, dass die Menschen ‚Informelles Lernen als Zukunftsaufgabe‘ – so der Untertitel einer seiner Schriften – für sich selbst annehmen.

Klaus Schleicher war nicht nur ein erfolgreicher Forscher und Entwickler, sondern auch ein gefragter Sachverständiger und Gutachter. Seine Expertise war ebenso gesucht in nationalen wie in internationalen Gremien. Bereits im Jahr seiner Berufung, 1973, fungierte er als Gutachter des Deutschen Bildungsrates. Seit Mitte der 1970er Jahre wirkte er in bildungs- und wissenschaftspolitischen Gremien des Europarates mit. Im Auftrage der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit führte er Beratungen der Bildungssysteme in Saudi-Arabien, Malaysia und im Oman durch. Sein internationales Renommee brachte ihm Einladungen zu Gastprofessuren und Forschungsaufenthalten in aller Welt ein – von England und Frankreich bis in die USA oder Japan.

Erfolgreiche Hochschullehre im Zeichen internationaler und interkultureller Kooperation war Klaus Schleicher ebenfalls ein wichtiges Anliegen. Er setzte sich für den internationalen Studierendenaustausch ein und betreute Austauschstudierende, insbesondere im Rahmen der Erasmus- bzw. Sokrates-Programme der Europäischen Union. Für diese Programme war er auch als Gutachter tätig. Unter seiner Leitung wurde ein Projekt durchgeführt, das sich mit der Optimierung der Studienberatung befasste. Zu den Erträgen dieser Arbeit gehört eine Publikation mit dem Titel ‚Mit Interesse und Erfolg studieren. Studienberatung für Anfänger und Fortgeschrittene‘, die er 2003 in Zusammenarbeit mit M. Goy und P.J. Weber vorlegte.

Es zeichnet den Verstorbenen aus, dass sich seine facettenreiche wissenschaftliche Arbeit nicht nur im Dialog mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft abbildet, sondern auch in zahlreichen Aktivitäten des Transfers von Forschungsergebnissen in die Gesellschaft. Unter diesem Vorzeichen war er beispielsweise seit Ende der 1970er Jahre bis 1992 als Berater des Schweizer Fernsehens tätig. Etliche Arbeiten richteten sich an die Schulpraxis, an Eltern und die Bildungspolitik; so verfasste er Ratgeber und Broschüren zur Umweltbildung in der Schule, aber auch in der Familie.

Klaus Schleicher hinterlässt also ein facettenreiches Werk, das über die wissenschaftliche Welt hinaus Gehör fand. Die Erinnerung an ihn wird aber auch getragen sein von Gedanken an seine Freude an der Kooperation im Kollegenkreise; an seine Fähigkeit, Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis zu schlagen und an sein Gespür für innovative Themen der Erziehungswissenschaft. Die Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg wird sein Andenken in Ehren halten.

Ingrid Gogolin
Im Namen des Fachbereichs und der Fakultät

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