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Längeres gemeinsames Lernen in der sechsjährigen Primarschule

Argumente aus Sicht der Erziehungswissenschaft

Öffentliche Fachtagung am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg

Vorwort

Die Fachbereiche Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg haben am 21. April 2010  Argumente aus Sicht der Erziehungswissenschaft zur Frage des längeren gemeinsamen Lernens zur Diskussion gestellt.  Anlass ist die geplante und in der Stadt heftig diskutierte Umwandlung der vierjährigen Grundschule in eine sechsjährige Primarschule als Teil einer umfassenden Reform des Hamburger Schulwesens.

Den ausführlichen Bericht finden Sie hier auf dieser Webseite.

Die Tagungsbeiträge haben inzwischen ein breites Echo gefunden. So haben der Fakultätsrat der EPB und Mitglieder des Akademischen Personals auf der Grundlage ihrer fachlichen Expertise zum Projekt der Bürgerschaft der Einführung der sechsjährigen Primarschule Stellung genommen. Auch Studierende haben dazu Stellung genommen.

An der Tagung selbst und in den daran anschließenden hochschulöffentlichen Diskussionen wurden die Gegenargumente zum längeren gemeinsamen Lernen durch deren Vertreter  (trotz vielfacher Einladung) kaum zur Geltung gebracht. Wir betrachten es jedoch als unsere Aufgabe, im Wissen darum, dass es wohl begründete Gegenpositionen gibt,  durch authentische Berichte das gesamte Meinungsspektrum zu präsentieren.

Wir bitten deshalb dringend darum, mit entsprechenden Beiträgen die Argumente gegen ein längeres gemeinsames Lernen zu vertreten. Der Dekan erwartet gerne entsprechende Beiträge zur Veröffentlichung auf dieser Seite. Willkommen sind darüber hinaus alle Beiträge, die das Spektrum der wissenschaftsbasierten Einschätzungen des Reformprojektes der Bürgerschaft erweitern.

Prof. Dr. Karl Dieter Schuck
Dekan der Fakultät für Erziehungswissenschaft,
Psychologie und Bewegungswissenschaft

 

Tagungsbericht 

 

von

Prof. Dr. Johannes Bastian
Prof. Dr. Karl-Dieter Schuck
Prof. Dr. Wolfram Weiße

Die Frage, ob Kinder länger gemeinsam lernen sollten wird anlässlich der geplanten Einführung einer sechsjährigen Primarschule in Hamburg kontrovers diskutiert. Im Juli soll es dazu einen Volksentscheid geben. In der Erziehungswissenschaft wird diese Frage vor dem Hintergrund der vorliegenden Forschungsergebnisse und mit Blick auf international erfolgreiche Schulsysteme eher befürwortend diskutiert. Anliegen der Fachtagung war es deshalb, die öffentliche Diskussion durch wissenschaftliche Argumente anzureichern und zu versachlichen.

Teilgenommen haben zwischen 400 und 500 Interessierte: Studierende, HochschullehrerInnen, Mitglieder der Bürgerschaft, der Parteien, der Gewerkschaft, der Elternkammer und viele Menschen, die sich auf die Diskussion in den kommenden Monaten vorbereiten wollen. Dazu Insa Gall in der Welt vom 22.4.: „Und so war der Andrang bei der gestrigen Fachtagung an der Universität Hamburg über die Schulreform und ihre Auswirkungen gewaltig.“

Zur Eröffnung der Tagung formuliert der Dekan der Fakultät, Karl Dieter Schuck: "Als Wissenschaftler können wir nicht nur zusehen, wie unser Bildungssystem umgebaut wird, sondern wollen uns einmischen". In einem Interview von Alexander Heinz (NDR 90.3) mit einem der Initiatoren der Tagung, dem Hamburger Erziehungswissenschaftler Johannes Bastian heißt es auf die Frage zum Anliegen der Tagung: „Ganz knapp formuliert:  Die Öffentlichkeit sollte wissen, dass es gute Argumente für längeres gemeinsames Lernen gibt und damit auch für die Primarschule“. Wolfram Weiße, ebenfalls Initiator und Erziehungswissenschaftler in Hamburg ergänzt, die Gesellschaft könne es sich nicht leisten, dass weiter die soziale Herkunft über den Schulerfolg entscheide. Die Schulreform sei deshalb richtig. Allerdings gebe es keine Garantie dafür, dass sie gelinge. Aufgabe der Wissenschaft sei es deshalb auch, den Reformprozess kritisch zu begleiten. Beiträge zur Tagung leisteten sowohl externe ExperInnen als auch HochschullehrerInnen des Fachbereichs Erziehungswissenschaft. 

Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Reiner Lehberger skizziert zu Beginn das Vorhaben der Primarschule im Kontext der gesamten Schulreformprozesses. Ausgeführt werden die Entstehungsgeschichte, die Formulierung als Projekt einer Koalition aus CDU und Grünen, sowie der aktuelle Stand im Kontext der Planung eines Zweigliedrigen Systems ab Klasse 7. Das Gesamtprojekt bewertet Lehberger als "die einschneidendste und umfassendste Schulreform in einem westlichen Bundesland seit 1945" (Welt, 22.4.2010)

Der  Einführungsvortrag von Prof. Tillmann, Bielefeld informiert über den aktuellen Forschungsstand zur Frage des Übergangs nach der Grundschule aus Sicht der empirischen Bildungsforschung. Der Vortrag konzentriert sich auf :

a) fachliche Entwicklungen in Lesen und Mathematik
b) Chancengleichheit und soziale Auslese.

Präsentiert werden sowohl Ergebnisse aus den internationalen Leistungsvergleichsstudien (IGLU, PISA, TIMSS) als auch aus den Hamburg-spezifischen Untersuchungen (LAU, KESS). Auf der Datenbasis dieser Studien liegen etliche neue Untersuchungen vor, die in die Analyse einbezogen werden. Ausgehend von der Analyse der Probleme einer Trennung der SchülerInnen nach Klasse 4 wird gefragt, ob es empirische Anhaltspunkte dafür gibt, dass sich dies durch eine Verlängerung des gemeinsamen Lernens auf sechs Jahre ändern lässt? (Link zum Text von Tillmann).

Im NDR, 90.3 fasst Klaus-Jürgen Tillmann die Ergebnisse seiner Analyse wir folgt zusammen: „Bei der Frage vierjährige oder sechsjährige Grundschule gibt es hinreichend Argumente und Untersuchungen, die erwarten lassen, dass das längere gemeinsame Lernen bestimmte positive Effekte hat. Ob das realisiert wird, wird sehr davon abhängen, wie die sechsjährige Primarschule ausgestaltet wird. Meine Einschätzung ist:  Diese sechsjährige Primarschule ist ein Rahmen, der positiv gestaltet werden kann. Aber das muss dann auch passieren“.

Der Bildungsforscher Prof. von Saldern, Lüneburg bietet in seinem Vortrag im Mittelteil der Tagung eine kritische Auseinandersetzung mit Argumenten von Kritikern der Primarschule. Der Vortrag setzt sich  auf der Basis empirischer Forschung systematisch mit den zentralen Argumenten gegen die Primarschule auseinander. Dabei werden zwei Argumentsmuster kritisch analysiert: die Neigung auf veraltete Studien zurückzugreifen und zum anderen die Gewohnheit, richtige Ergebnisse heranzuziehen, daraus aber unzutreffende Schlussfolgerungen abzuleiten. Die Analyse zeigt, dass es erziehungswissenschaftlich begründete Argumente für die Erprobung der Primarschule in Hamburg gibt.

Dazu die Welt vom 22. 4.: „Professor Matthias von Saldern setzte sich mit den Argumenten der Primarschulgegner auseinander, die sich aus seiner Sicht "sehr leicht entkräften lassen". Zum einen griffen die Kritiker auf veraltete oder methodisch fehlerhafte Untersuchungen zurück, zum anderen würden aus Studien falsche Schlüsse gezogen oder unwillkommene Ergebnisse einfach ignoriert.“

Prof. Annedore Prengel aus Potsdam diskutiert als Expertin für Fragen der Heterogenität in Bildungsprozessen in ihrem Vortrag das Thema der integrativen Schule als Schule der Demokratie. Die Grundschulexpertin zeigt an Hand von wissenschaftlichen Erhebungen und Praxisbeispielen, wie eine Pädagogik in heterogenen Lerngruppen erfolgreich praktiziert wird. Ihre These ist:  Die sechsjährige Primarschule hat ein großes Potential, soziales Lernen im Sinne von Selbstachtung und Anerkennung der Anderen in heterogenen Lerngruppen zu fördern und dabei zugleich die kognitive Entwicklung von Kindern auf allen verschiedenen Lernniveaus individuell zu optimieren. Wissenschaftliche Erhebungen und Praxisberichte belegen, dass eine wirksame Pädagogik der heterogenen Lerngruppe erprobt wurde und dass eine differenzierende Didaktik seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert wird. Zu nennen ist hier zum Beispiel der Dokumentarfilm von Hubertus Siegert „Klassenleben“, der realistisch Einblick gibt in den Alltag einer 5. Klasse an einer Berliner Grundschule, der Flämingschule.

In weiteren Vorträgen von Hamburger Erziehungswissenschaftlern werden Argumente vorgestellt, die in der Diskussion über die Primarschule von Bedeutung sind:

  • Argumente für das Arbeiten in heterogenen Lerngruppen (Prof. Dagmar Killlus)
  • Argumente für das Arbeiten in heterogenen Lerngruppen am Beispiel des Englischunterrichts in der Primarschule (Prof. Andreas Bonnet)
  • Argumente für das Arbeiten in heterogenen Lerngruppen am Beispiel des Religionsunterrichts der Klassen 5 und 6 in der Primarschule  (Prof. Wolfram Weiße (Beitrag), Folkert Doedens (Workshop))
  • Argumente für ein längeres gemeinsames Lernen in international vergleichender Perspektive. Daten, Fakten und Berichte aus Österreich, Schweden und Finnland im Vergleich. (Prof. Angelika Paseka)
  • Schulentwicklung und Schulreform im internationalen Vergleich (Prof. Jürgen Oelkers)
  • Argumente aus der Perspektive gängiger Behinderungsbegriffe und der Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Prof. Karl Dieter Schuck / Text 1Text 2).
  • Argumente aus der Perspektive von Inklusion – Gedanken zur Weiterentwicklung der Integrationspädagogik im Kontext der Primarschule (Joachim Schwohl, Dr. Tanja Sturm)
  • Argumente aus der Perspektive der Gemeinschaftsschule in Berlin zur Weiterentwicklung des gemeinsamen Lernens aller Schüler von Klasse 1 bis 10 bzw. 13. (Prof. Johannes Bastian, Dr. Julia Hellmer)

Die Abendveranstaltung beginnt mit Grußworten des Dekans, Prof. Dr. Karl Dieter Schuck, von Senatorin Christa Goetsch und des Vizepräsidenten Prof. Dr. Holger Fischer.

Der Abschlussvortrag aus der Feder von Prof. Jürgen Oelkers, Zürich informiert über die sechsjährige Primarschule in der Schweiz. Die Primarschule gibt es dort seit mehr als 100 Jahren. Derzeit wird darüber diskutiert, wie diese bewährte Schulreform durch ein längeres gemeinsames Lernen weiterentwickelt werden kann. In Zukunft wird es eine achtjährige kantonale Gesamtschule geben, die mit dem vollendeten vierten Lebensjahr beginnt.

In einer Abschlussrunde der Expertinnen und Experten geht es u.a. um Fragen wie:

  • Welche erziehungswissenschaftlichen Argumente gibt es für die These, dass eine Trennung der Schüler nach der vierten Grundschulklasse von Nachteil ist?
  • Welche erziehungswissenschaftlichen Argumente gibt es für die These, dass die Trennung der Schüler nach der sechsten Klasse ein Gewinn ist bezogen auf Lernerfolge und höhere soziale Durchlässigkeit?
  • Welche erziehungswissenschaftlichen Argumente gibt es für eine gemeinsame Förderung von lernschwachen und leistungsstarken SchülerInnen?

Antworten auf diese Fragen, ergänzt um Fragen der TagungsteilnehmerInnen, werden in einer Abschlussrunde mit den Prof. Tillmann, Prengel und Schuck unter der Leitung von Johannes Bastian und Wolfram Weiße intensiv diskutiert. Informationen dazu finden sich in allen Beiträgen, die zu dieser Tagung auf der Homepage des Fachbereichs hinterlegt worden sind.

Ein Fazit auf die Fragen der Tagung mit Bezug auf Prof. Tillmann in der „Welt“ könnte lauten: So ließen zahlreiche Untersuchungen vermuten, dass das längere gemeinsame Lernen positive Effekte auf die Schülerleistungen habe und die soziale Auslese vermindere. "Die Frage ist aber, ob die Verlängerung der Grundschulzeit um nur zwei Jahre bereits die erhofften Erfolge bringen kann", so Tillmann. "Meine Einschätzung ist, dass die sechsjährige Primarschule einen Rahmen liefert, der positiv zu gestalten ist - das muss aber auch passieren." Wissenschaftlich widerlegt sei aber die Befürchtung, dass die Primarschule die leistungsstärkeren Schüler bremse. Mit Bezug auf die Professoren Schuck und Prengel kann ergänzt werden, dass die sechsjährige Primarschule die strukturelle Bedingung für die Entwicklung einer neuen pädagogische Kultur ist. Diese Reformmaßnahme kann aber nur zum Erfolg werden, wenn sich der Unterricht grundlegend im Sinne einer Individualisierung des Lernens verändert. Dass dies möglich ist zeigen sowohl einzelne Schulen als auch Studien (Beiträge Schuck und Prengel).

Presseberichte:

NDR 90,3
Abendjournal

Alexander Heinz
Datum: 21.4.2010
Sendung: 21.4.2010
Die sechsjährige Primarschule als Chance.
Der Schulforscher Klaus-Jürgen Tillmann in Hamburg.

NDR 90,3
Aktuell
Alexander Heinz
Datum: 21.4.2010
Sendung: 22.4.2010 7.00 Uhr 
Thema: Bildungswissenschaftler stützen Schulreform 

Die Welt
Bildungsforscher sprechen sich für die Primarschule aus
von INSA GALL
22. April 2010, 04:00 Uhr
Fachtagung an der Universität - Wissenschaftler: "Streit über Schulreform ist vor allem ein Interessenkonflikt" - Reformgegner mit neuer Internetseite

Literatur zum Thema:
Karl Dieter Schuck
Die sechsjährige Primarschule am Ende eine langen Schulentwicklung
Erschienen unter "Ein Kommentar zur Einführung" in "Hamburg macht Schule", Sonderheft 2009 – Sechsjährige Primarschule (S. 5-9)  

Videos von der Veranstaltung

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